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Charaktertode und ihr Sinn

Reden wir heute doch einmal über das Thema Charaktertode. Wir kennen es aus Film und Fernsehen, aus Büchern oder Games. Charaktere kommen, gehen und sterben. So ist das Leben. Aber müssen fiktive Charaktere denn wirklich sterben?

 

Schwere Beziehung: Fans und tote Charaktere

 

Zwischendurch lässt es uns kalt, manchmal fluchen wir wie ein Rohrspatz und ab und an heulen wir Rotz und Wasser. Sterben fiktive Charaktere, kann das unterschiedliche Gründe haben. Über das Motiv des Autors machen Fans sich im ersten Moment allerdings wenig Gedanken. Ist der Tod sehr mitreißend geschildert, nimmt er uns mit. Vor allem dann, wenn wir den Charakter mochten oder uns mit ihm identifizieren konnten. Charaktertode können für Fans sogar Gründe sein, um ein Buch, eine Serie oder ein Spiel nicht weiter zu verfolgen – insbesondere, wenn es sich um unsere Lieblingscharaktere handelt.

 

Bevor ich auf die möglichen Gründe eingehe, warum man als Autor seine Charaktere sterben lässt, sollte ich eines vorweg nehmen: Jeder Charakter findet immer jemanden, der ihn mag.  Das heißt, nur weil ein Charakter als Fiesling, arrogante Zicke oder Antagonist konzipiert ist, lässt sein Tod nicht zwangsläufig kalt. Und es bedeutet vor allem nicht, dass ihn niemand vermissen wird. Das Problem: Das Ziel heiligt für Leser nicht immer die Mittel. Nur, weil der Grund gut war, heißt das nicht, dass der Rezipient mit dem Tod eines Charakters besser umgeht. Daher sollte jeder Autor den Tod einer Figur reflektieren.

 

Gründe für Charaktertode

 

Es kann einige Gründe haben, warum eine Figur abtreten muss. Nicht immer sind diese Motive nachvollziehbar und nicht immer scheinen sie plotdienlich zu sein. Grundsätzlich ist natürlich jedem Autor selbst zu überlassen, ob und warum er seine Charaktere sterben lässt. Dagegen kann und sollte niemand etwas sagen. Dennoch: Auch, wenn natürlich jeder das freie Recht hat, die Wahl seines Themas und Plots selbst zu bestimmen, ist man als Autor doch immer noch Künstler. Das heißt im Klartext: Wer nicht nur für sich selbst schreibt, denkt auch darüber nach, was beim Leser ankommt. Aus diesem Grund habe ich mich mit dem einen oder anderen Motiv für Charaktertode auseinandergesetzt.

 

"Und die Moral von der Geschicht..."

 

Besonders in Werken, die einen Lehreffekt verfolgen, dienen Charaktertode dazu, dem Leser die Folgen eines gewissen Handelns aufzuzeigen. Sie verfolgen weniger ein intergeschichtliches Ziel, als das, den Leser selbst zum Nachdenken anzuregen. Verbaut werden derartige Lehrbuch- und Moraltode besonders in Märchen oder Fabeln. Wer mit Max und Moritz und dem Struwwelpeter aufgewachsen ist, weiß, dass auch Kinderbücher aus dem 19. Jahrhundert keinesfalls harmlos oder sonderlich beschönigend waren. Autoren wollen, dass die Reaktionen und Folgen bestimmter Denk- und Handlungsweisen in Erinnerung bleiben. Da kommt der Tod eines Neben- oder gar Hauptcharakters allzu gelegen.

 

Plotdienliche Tode

 

Das wohl häufigste Motiv für einen Autor, einen Charakter sterben zu lassen, ist der Verlauf der Geschichte. Das Ableben einer Figur wird beispielsweise für die Entwicklung einer anderen benötigt oder ist essenziell für den Abschluss der Story. Wer weiß, wie sich Das Lied von Eis und Feuer / Game of Thrones ohne die unzähligen Opfer entwickelt hätte. Oder wo stünde das Harry Potter-Universum heute ohne das Ableben des großen Antagonisten? Und wie wäre die Geschichte verlaufen, wenn Lily und James Potter überlebt hätten? Wie wäre Goethes Faust ohne Gretchens Selbstmord ausgegangen? Kurzum: Manche Buchideen brauchen Charaktertode. Sie leben davon.

 

Wenn Abneigung überhandnimmt

 

Jeder Autor kennt es: Du entwickelst Figuren und manche kannst du schon von Anfang an nicht leiden. Manche sind so konzipiert, dass sie den Leser nerven. Andere wiederum machen sich während des Geschichtsverlaufs selbstständig. Und auf einmal kommt dir aus einer Laune heraus der Gedanke: Du könntest die Figur ganz einfach loswerden. Darauf aufbauende Charaktertode sind mit Sicherheit die, die dem Leser am wenigsten logisch erscheinen. Auf der anderen Seite ist es möglich, dass sie niemals bis zum Leser durchdringen. Ein gutes Lektorat wird dich eventuell schon vor der Veröffentlichung darauf hinweisen, sollte ein Charaktertod zu willkürlich und unnötig erscheinen.

 

Schock des Lesers als Motiv?

 

Vielleicht nicht klar von anderen Gründen zu differenzieren sind Charaktertode, die als einziges Ziel eine Schockstarre beim Leser verfolgen. Bücher sollen Emotionen hervorbringen. Entsprechende Tode bergen aber auch Gefahren, wie bereits oben erläutert. Und kaum ein Autor wird freiwillig zugeben, dass sein einziges Motiv es war, dem Leser Tränen in die Augen zu treiben oder ihm schlaflose Nächte zu bereiten. Bisweilen fragen wir uns bei manch verlorener Figur: Hatte der Tod einen Sinn für den Plot? Hat er den Protagonisten oder gar den Antagonisten beeinflusst? Oder diente er lediglich dazu, einen Seitenhieb an den Leser auszuteilen.

 

Figurentod für Realitätsnähe?

 

Du schreibst einen Kriegsroman oder schilderst große Kämpfe, die besonders denkwürdig sein sollen. Je mehr Charaktere namentlich in den Gefechten auftauchen, umso realitätsnäher ist es, dass Figuren dabei auf der Strecke bleiben. Was wären der große Kampf um Hogwarts bei J. K. Rowling oder die blutigen Schlachten in anderen Fantasyromanen sowie die erschreckenden Szenerien historischer Kriege (siehe Tolstoi) ohne Charaktertode? Richtig, in erster Linie wären sie unlogisch. So kann das Ableben von Figuren andere kaltlassen und dennoch innerhalb des Werkes ein bestimmtes Ziel verfolgen: Es macht das Werk realitätsnah. Damit ist es im weitesten Sinne plotdienlich, hat aber auch den Zweck, den Leser in das Werk hineinzuziehen und somit bestimmte Gefühle bei ihm zu hinterlassen. Kleiner Tipp: Je unerwarteter deine Figur vom Tod geholt wird und je weniger der Leser vorbereitet ist, umso stärker ist der Effekt, den du erzielst. (Hand aufs Herz: Stirbt in jedem Kapitel irgendwer, wird den Leser nichts mehr wundern.)

 

Zum Tod des Protagonisten

 

Stirbt der Protagonist einer Geschichte, ist sie in der Regel vorbei. Nehmen wir Fontanes Effi Briest oder Kafkas Der Process als Beispiel. Bei beiden ist sicher, dass der Hauptcharakter das Ende des Buches nicht überlebt. Seinen Hauptcharakter – oder zumindest einen davon – sterben zu lassen, erfordert einiges an Mut. Mancher wird sagen: Eine Geschichte kann nicht endlicher sein, als wenn der Hauptcharakter stirbt. Und jeder kann sich sicher sein, dass keine Sequel mehr kommt, wenn der Protagonist verstorben ist. Oder? Dass das nicht immer so ist, beweist das Lied von Eis und Feuer regelmäßig. Trotzdem bleiben die Leser und auch Fans der Game of Thrones-Serie am Ball. Ist es eben um rauszufinden, wer am Ende überlebt? Jeder Mensch ist unterschiedlich. Und der eine oder andere ist mit einem dramatischen Bad End glücklicher als mit ständigen Happy Ends. Vielleicht, weil das Leben ebenso wenig ein Happy End hat? Weil es realistischer ist? Oder weil dramatische Szenen Menschen emotional treffen und wir uns genau das von einer Geschichte wünschen?

 

Klartext: Kritik und Hasstiraden wegen Charaktertoden

 

Es ist nicht das Ziel, hier die menschliche Psyche auseinanderzunehmen. Und weiterhin gilt: Jeder Autor hat das Recht, seine Charaktere sterben zu lassen. Aus welchem Grund auch immer die Figuren in der Geschichte unter die Erde gebracht werden – der Autor entscheidet. Und sonst niemand. Als Fanfiction-Autorin habe ich es mehr als einmal erlebt, dass Schriftsteller für ihre Werke einem wahrhaften Shitstorm ausgesetzt wurden. Warum? Weil sie den Lieblingscharakter eines Fans haben sterben lassen. Tatsächlich habe ich vor einigen Jahren sogar von dem Selbstmord eines Jugendlichen gelesen, der als Grund den Tod eines Lieblingscharakters angegeben hat. Schwer vorstellbar - für die Zurückgebliebenen aber die grausame Realität. Das kommt natürlich nicht täglich vor. Trotzdem muss man sich als Autor darauf gefasst machen, unqualifizierte Kommentare von Lesern zu schlucken.

 

Ja, wir schreiben einerseits für ein Publikum und kein Künstler ist vor Kritik gefeit, aber schlussendlich muss in erster Linie uns selbst die Geschichte gefallen. Was bleibt und was ich jedem Autor ans Herz lege, ist:

 

Überlege dir, warum eine Figur in deinem Werk sterben soll. Selbst, wenn das Motiv eine bloße Laune ist, die du nicht abschütteln kannst, hast du dann womöglich zumindest die passende Antwort für schnippische Kommentare parat.

 

Und bedenke, dass es wird immer jemanden geben wird, dem nicht gefällt, was du tust.

 

 

 

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