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Aufgeblähte Sprache vs. angenehme Lesbarkeit

Wer schon einmal Geschichten oder gar ein Buch geschrieben hat, kennt es: Wir versuchen uns extra viel Mühe bei unseren Formulierungen zu geben. Doch was sich im ersten Moment besonders intelligent oder blumig anhört, ist meistens für Leser ein wahrer Graus.

 

 

Die Sache mit der Formulierung

 

Zwischen Autoren kursiert die Behauptung, dass die erste Version eines Buches fast immer schlecht ist. Abgesehen von möglichen inhaltlichen Schwachstellen oder Rechtschreib- und Grammatikfehlern bezieht sich das vor allem auf die Formulierungen. Wer schreibt, wie er denkt, wird viele komplexe Sätze bauen. Insbesondere ohne Übung sind diese Sätze zu lang, um angenehm lesbar zu sein. Daneben sind sie oft in sich nicht schlüssig. Und geben wir uns dazu noch Mühe dabei, möglichst ausschweifend und hochgestochen zu formulieren, ist die Katastrophe perfekt.

 

Wer glaubt, lange, komplizierte Sätze und hochtrabende Begrifflichkeiten beeindrucken den Leser, ist meistens auf dem Holzweg. Besonders dann, wenn es sich nicht um ein Sachbuch oder ein wissenschaftliches Werk, sondern um Belletristik handelt.

 

Leser wollen sich nach einem anstrengenden Tag entspannt aufs Sofa setzen, sich mit einer Tasse Tee zurücklehnen und mit einem guten Buch abschalten. Lange, verschachtelte Sätze hingegen fordern und es braucht eine Menge Konzentration, um die Kernaussage zu verstehen. Dazu kommt, dass Aussagen, die mit Adjektiven vollgepackt sind, stark auftragen. Sie machen ein Buch umso schwerfälliger. Die Kunst: Lege dem Leser ein Werk vor, das gut lesbar ist, ohne dass es wirkt, als wäre es von einem Grundschulkind geschrieben worden. Was sich vielleicht leicht anhört, kann zu einer Sisyphusaufgabe werden.

 

 

Das richtige Maß finden

 

Wer schon einmal den Anfang von Effi Briest von Theodor Fontane gelesen hat, weiß, wie anstrengend Sätze sein können, die sich über die halbe Seite erstrecken. Wer am Ende des Satzes nicht mehr weiß, was am Anfang stand, hat wenig Lust, weiterzulesen. Dazu kommt, dass seitenlange Ortsbeschreibungen den Leser langweilen. Belletristik sollte für sich den Anspruch haben, spannend zu sein, zum Träumen einzuladen und den Leser in neue Welten zu entführen. Natürlich brauchen wir Ortsbeschreibungen dafür. Aber bitte keine drei Seiten lang.

 

 

Versuche immer, möglichst kurze und prägnante Sätze zu formulieren. Das heißt nicht, dass du einen Hauptsatz dem letzten folgen lassen musst. Eine gute Mischung hilft dabei, die Lesbarkeit zu erhöhen und bringt Abwechslung rein. Ich persönlich vertrete auch die Meinung, dass Ellipsen – also keine vollständigen Sätze – sich in Romanen durchaus gut machen. In meinen Augen muss ein Satz nicht immer aus Subjekt, Prädikat und Objekt bestehen - und noch weniger aus einem Haupt- und vier Nebensätzen. Das richtige Maß zu finden, ist nicht immer einfach. Wer allerdings längere Zeit schreibt, wird merken: Irgendwann wird es leichter. Wenn am Anfang die Korrektur noch als besonders mühselig erscheint, wird es später einfacher. Nicht nur, weil wir Routine im Überarbeiten bekommen, sondern auch, weil wir von vornherein klarer schreiben.

 

 

Flesch-Index: Lesbarkeit einfach überprüfen

 

Wenn du selbst nicht mehr sicher bist, wie gut dein Text sich lesen lässt, empfehle ich die Überprüfung des sogenannten Flesch-Index. Den kannst du hier testen. Der Flesch-Index zeigt dir, wie gut verständlich dein Text ist. Die Analyse erfolgt anhand der genutzten Begriffe und der Textlänge. Beispielsweise hat der vorherige Unterpunkt „Das richtige Maß finden“ einen Index von 56. Das gilt als durchschnittlicher Wert. Je höher der Flesch-Wert, umso leichter ist der Text zu lesen. Versuche, auf der Webseite einen deiner Textausschnitte zu testen und dir wird angezeigt, in welchem Bereich er liegt. Ich erachte einen durchschnittlichen Flesch-Wert von 60 für Belletristik für Erwachsene als sinnvoll. Das heißt aber nicht, dass Abschnitte nicht zwischendurch mal bei 82 oder 45 liegen können. Ich gebe mir Mühe, meistens nicht unter 50 zu fallen. Variiert der Wert zu stark innerhalb eines einzelnen Werkes, wirkt es nicht kohärent.

 

 

Exkurs: Meine bittere Lektion

 

Ich persönlich hatte anfangs ein persönliches Problem mit dem Flesch-Wert. Nebenbei arbeite ich nämlich als Texterin für Blog- und Shoptexte im Mobilfunkhandel. Dort hat meine ehemalige Vorgesetzte mir erstmals den Flesch-Index vorgestellt. Und ich musste lernen, dass ein Index von 30 bis 40 für Blogtexte einfach nicht geeignet ist. Der Index und ich: Wir waren die schlimmsten Feinde. „Wir schreiben für den dümmstmöglichen Leser und der muss das verstehen“, durfte ich mir anhören. Was fies klingt, ist leider die Realität. Und Hand aufs Herz: Ich muss nicht dumm sein, um verschachtelte Sätze unangenehmer zu finden als prägnante. Durch meinen Job habe ich gelernt, mich klarer und kürzer auszudrücken.  Das hilft mir heute auch beim Schreiben im Privaten weiter - sowohl bei Fanfictions, als auch bei meinen Romanen.

 

Veranschaulichung gefällig?

 

Es ist immer leichter, sich Erläuterungen vorzustellen, wenn man Beispiele hat. Lies dir zunächst folgenden Abschnitt durch:

 

 

 

Karina stammt aus einem Bürokratenhaushalt, der ihr beigebracht hat, sich jederzeit mit höchstem Intellekt zu präsentieren und niemals aus den Augen zu verlieren, dass sie aus anderen Kreisen kommt als das gemeine Fußvolk in ihrer Klasse, welches allemal als Fußbodenbelag der Gesellschaft bezeichnet werden kann. Aus diesem Grund verhält das Mädchen sich in der Schule zunehmend unkooperativ und lässt seine Mitmenschen seine Aversion an jedem Tag spüren, ohne, dass sie sich von den Lehrern belehren oder beschwichtigen lassen würde, weshalb Karina nun zum dritten Mal ein Schriftstück von ihrer Klassenlehrerin an ihre Eltern mit in ihr Domizil gebracht hat.

 

 

 

Im Vergleich dazu, habe ich denselben Abschnitt noch einmal anders formuliert:

 

Karinas Eltern sind Bürokraten. Von ihnen hat sie bereits als Kind gelernt, sich gewählt auszudrücken und sich von ihren Klassenkameraden zu distanzieren. Seitdem hält Karina sich für etwas Besseres und lässt keine Möglichkeit aus, es ihren Mitschülern in Erinnerung zu rufen. Ihre Lehrer sind ratlos. Mehrfach ist ihr Versuch gescheitert, Karina ihr falsches Verhalten zu erklären. Zum dritten Mal schreibt ihre Lehrerin einen Brief an ihre Eltern, den sie Karina mit nach Hause gibt.

 

 

 

Hier siehst du quasi die gleiche Geschichte mit anderen Worten und kürzeren Sätzen. Obwohl der Inhalt nahezu derselbe ist, lesen die Texte sich ganz unterschiedlich. Dem einen oder anderen mag der erste Abschnitt als literarisch hochwertiger erscheinen. Doch wenn du ein ganzes Buch in diesem Stil lesen müsstest, würdest du vermutlich schnell merken, wie anstrengend das sein kann.

 

 

Mein Tipp daher: Lass deinen fertigen Text einige Zeit liegen. Vielleicht ein paar Tage, bestenfalls ein paar Wochen. Und dann lies ihn dir laut vor. Stolperst du mehrfach über deine eigenen Formulierungen, könnte eine weitere Überarbeitung sinnvoll sein. Teste ab und an den Flesch-Index und überlege dir, welche Formulierungen deinen Text besser lesbar machen.

 

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