· 

Individualisierung: Vom existenten zum eigenen Charakter

Hast du dir auch schon einmal die Frage gestellt, warum du einige Charaktere in Geschichten, Serien oder Spielen besonders magst? Welche Persönlichkeiten sind es, die dich dazu bewegen, sie ‚cool‘ zu finden, sie in Fanfictions zu verbauen oder sie gar als Grundlage für einen deiner Buchcharaktere zu verwenden? Und wie werden aus diesen existenten Charakteren eigene Protagonisten?

 

 

Typisierung vs. Personalisierung

 

Kennst du das? Du siehst dir eine neue Serie auf Netflix oder auf DVD beziehungsweise Bluray an und hast vor allem am Anfang das Gefühl, dass die Charaktere völlig überzogen sind. Wenn du ein wenig darüber nachdenkst, fällt dir auf: Hier hast du die schüchterne graue Maus, dort den Macho und irgendwo dazwischen den Kerl, der garantiert in der Friendzone landet. Charaktertiefe? Fehlanzeige. Häufig dauert es einige Folgen, wenn nicht sogar Staffeln, bis Charaktere die Tiefe bekommen, die sie als Menschen auszeichnen würde.

 

 

Das hat mehrere Gründe: Einerseits würde es den Zuschauer überfordern, direkt am Anfang die komplette tiefenpsychologische Weltkarte eines Charakters vorgesetzt zu bekommen. Auf der anderen Seite wäre es langweilig, alle Hintergrundinformationen bereits in der ersten Folge zu kennen. Dann lohnt sich die Geschichte häufig kaum noch. Unter anderem aus diesen Gründen setzen Produzenten uns zunächst die wichtigsten Eigenschaften vor. Und genau das ist es: Uns wird kein ausgefeilter Charakter präsentiert, sondern ein Typ. Die Personalisierung erfolgt bestenfalls später; zumindest dann, wenn den Zuständigen der Sprung vom Typ zur Person gelingt.

 

 

Was weckt unser Interesse an Charakteren?

 

Gerade als Cosplayerin und Fanfictionautorin habe ich mich häufig gefragt: Nach welchem Schema suche ich mir eigentlich die für mich interessanten Charaktere aus? Sind es die eigenen Erfahrungen mit Menschen, die auf den ersten Blick ähnlich ticken? Sind es die Assoziationen mit unseren Freunden oder Familienmitgliedern oder ist es doch eher die Selbstidentifikation? Ich denke, es gibt unterschiedliche Gründe, aus denen wir einen Charakter zu mögen beginnen:

 

 

  • Er spiegelt unsere eigenen Charaktereigenschaften wider. („Hey, ich hätte genauso reagiert!“ / „Das war so doof, das hätte ich sein können…“)

  • Bei ihm steht eine Charaktereigenschaft im Vordergrund, die wir uns für uns selbst wünschen. („So hätte ich meinem Boss letzte Woche auch mal besser geantwortet!“ / „Das würde ich mich nie trauen, auch, wenn ich gerne würde…“)

  • Er symbolisiert Aspekte, nach denen wir unsere Freunde oder Partner auswählen. („Mit dem würde ich auch ausgehen…“ / „Das wäre ein Freund zum Pferdestehlen.“)

  • Psychologisch weckt er unser Interesse. Er hat etwas an sich, was uns mehr über ihn erfahren lassen möchte. Das bedeutet jedoch nicht immer, dass wir mit dem Charakter als Persönlichkeit klarkommen würden. („Ich würde dem den Hals herumdrehen, würde der so mit mir reden!“ / „Die ist vollkommen irre und ich glaube, da steckt echt mehr hinter.“)

 

 

Exkurs: Gedanken sind nicht frei

 

Jeder, der an einem schriftlichen Werk arbeitet – sei es eine Geschichte oder ein ganzes Buch, sucht sich Vorlagen aus seinem Umfeld heraus. Wir konstruieren unsere Charaktere häufig unweigerlich nach Leuten, die wir kennen oder eben nach Charakteren aus Büchern und Serien. Oft passiert das nicht bewusst. Aber unsere Kreativität ist selten so frei wie wir denken. Wir finden weißblondes Haar für eine Elfe wäre eine gute Idee? Dann haben wir vermutlich Herr der Ringe im Hinterkopf oder haben irgendwo einmal das Stereotyp gelesen, dass Elfen helle Haare haben. Oder wir haben entsprechende Bilder gesehen. Wir überlegen, welche Merkmale für Charaktere uns einfallen: Sie könnten mehrfarbige Augen haben, wie der Protagonist in meinem aktuellen Thriller. Oder besonders kräftig gebaut sein und eine Halbglatze haben. Testen wir das doch einmal:

 

 

Ich denke an eine junge Frau, die klein und zierlich ist. Sie hat lange Haare und ein Puppengesicht. Und wenn ich so darüber referiere, kann ich mir vorstellen, dass sie gerne einkauft.

 

 

Ich bin mir sicher, uns allen fällt jemand ein, auf den diese Beschreibung mehr oder weniger zutrifft. Und daran sehen wir: Unsere Wahrnehmung läuft über Assoziationen. Wenn wir Charaktere entwickeln, gibt es also vermutlich immer einen Auslöser, der uns auf eine bestimmte Idee bringt.

 

 

Recycling eines Seriencharakters?

 

In Fanfictions

 

Vorweg: Zumeist sind es Stereotype, die auf den ersten Blick unser Interesse wecken. Bekommt ein Charakter aus einem Film, einer Serie oder unserem Lieblingsbuch irgendwann weitere Eigenschaften und wird zu einer Person, sorgt das dafür, dass wir beginnen, ihn zu mögen. Wir beschäftigen uns mehr mit ihm. Wer selbst Autor ist, kennt es vielleicht: Wir wollen einen solchen Charakter irgendwo verbauen. Am leichtesten geht das in Fanfictions, da wir uns kaum an Restriktionen halten müssen. Wie gut wir einen Charakter in einer Fanfiction darstellen können, hängt einerseits mit unserer Beobachtungsgabe und Empathiefähigkeit, aber auch damit zusammen, wie sehr wir uns mit dem Charakter beschäftigt haben. Wichtig ist, dass wir nicht versuchen, mit dem Gedankengut einer anderen Person Geld zu verdienen. Das ist bei Fanfictions in der Regel nicht der Fall. Daher führt das in der Regel nicht zu Problemen.

 


In eigenen Romanen

 

Wer sich bewusst dafür entscheidet, einen Charakter aus einer Serie als Grundlage für einen eigenen Charakter zu nutzen, sollte sich jederzeit bewusst sein, dass wir mit dem geistigen Eigentum einer anderen Person arbeiten. Demnach können wir den Charakter vielleicht für uns als Aufhänger nutzen, aber am Ende darf niemand mehr sehen, woher wir unsere Inspiration genommen haben. Daher habe ich für euch ein paar Ratschläge zusammengesucht, wie du aus einem existenten Charakter einen eigenen Charakter machst.

 

1)     Sorge dafür, alles anzupassen, was erkennen lässt, wer deine Inspirationsquelle war. Das gilt besonders dann, wenn es sehr spezifische Merkmale gibt. Gerade die Kombination aus mehreren macht einen Charakter unverwechselbar. Das bedeutet nicht, dass du nicht für deinen eigenen Charakter ähnlich braune Haare und grüne Augen nehmen kannst. Darauf kann niemand ein Copyright anmelden. Versuche folgende Dinge bestmöglich anzupassen:

 

  • Namen
  • Familiengeschichte
  • Hintergründe des Verhaltens
  • ggf. Haar- und Augenfarbe
  • besondere Merkmale

 

 

2)     Wahrscheinlich war es das Verhalten oder eine bestimmte Charaktereigenschaft, die dich dazu gebracht hat, den Charakter als Inspiration nutzen zu wollen. Womöglich in Verbund mit seinem Aussehen. Zum Äußeren gilt: Du kannst auch einen persönlichen Charakter erschaffen, der genauso gut oder furchteinflößend aussieht. Halte dich nicht an Äußerlichkeiten fest. Ich versichere dir, an den inneren Werten hängst du mehr.

 

3)     Du wünschst dir einen Buchcharakter mit ähnlichen Charaktereigenschaften oder ähnlichem Verhalten? Kein Problem. Denn wie wir oben bereits festgestellt haben, sind Charaktereigenschaften von Seriencharaktere häufig derart überzogen und oberflächlich, dass du problemlos deine eigene Vorstellung um ihn herumbauen kannst. Kennst du den Charakter nach der dritten Staffel deiner Lieblingsserie besser und willst ihn als Grundlage für dein Buch nutzen, beherzige folgenden Ratschlag:

 

Mach aus der Person wieder einen Typ – und entwickle die Person zu dem Typ neu!

 

Beispiele gefällig?

 

 

1)     Typ: Klaus ist verbittert und aufbrausend. Er mag keine Kinder, hat kein Glück bei Frauen und schreckt vor sozialen Kontakten zurück. Doch eigentlich hat er eine ganz weiche Seite: Er mag Tiere.

 

Einen solchen Charakter könntest du vermutlich problemlos in deinem Buch verbauen und mit ein paar Anpassungen würde niemand mehr merken, woher die Grundidee stammt.

 

2)     Person: Klaus hat einen Waschzwang, leidet an nervösem Augenzucken und richtet seinen Papagei dazu ab, jeden Besucher zu beleidigen. Als Kind wurde er von seiner Mutter misshandelt und hat daher Schwierigkeiten mit Frauen. Statt sich mit Freunden zu treffen, sitzt er jeden Tag im Park und füttert Katzen und Tauben.

 

Solche Dinge lässt du weg. Sie sind spezifisch für Klaus, wie er von einem Autor beziehungsweise Produzenten o.ä. entwickelt wurde. Warum machst du nicht eine andere Person aus 1) und 2):

 

3)     [Neue] Person: Hugo lächelt selten und kommt mit Menschen nicht so gut zurecht. Seit seiner gescheiterten ersten Beziehung hat er kein Vertrauen mehr in die Liebe und trifft sich nur selten mit ehemaligen Klassenkameraden. Aber er arbeitet in einem Tierheim und hat da seine Berufung gefunden. Eines Tages findet er einen entlaufenen Hund auf der Straße und nimmt ihn bei sich auf. Er schaltet eine Anzeige. Etwas später steht die etwas korpulente Lisa vor seiner Haustür – die Hundemama. Und Hugo, der nicht mehr an die Liebe geglaubt hat, lädt sie zum Abendessen und ins Kino ein.

Du siehst: Aus Klaus wurde Hugo. Die Grundidee, der Typ, mag derselbe gewesen sein. Doch die Person ist eine andere. Noch deutlicher wird es, wenn Hugo nicht mehr fast zwei Meter groß und kräftig ist wie Klaus, sondern ein schmaler Brillenträger, der nicht einmal eine Umzugskiste heben kann ;-)

 

 

 

Schlussendlich gilt immer: Auch, wenn ein Charakter eine Inspiration und Motivation für dich darstellt: Entwirf deine eigenen Charaktere und baue eine Geschichte um sie herum, die du dir selbst überlegt hast. Niemand möchte ein Buch lesen und dann feststellen: „Hey, das ist mein/e XY!“ Das ist weder schmeichelhaft, noch wirft es ein gutes Licht auf dich als Autor.

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0